Über Geld spricht man nicht, Geld hat man. Ähnliches könnte auch für den neuen Roman von Peter Rosei gelten. "Geld!" heißt er, doch so marktschreierisch der mit Rufzeichen gesetzte Titel wirkt, so ruhig entfaltet der Autor sein Thema und führt in eine Zeit, in der Wirtschaftsdaten wie Aktienkurse nur eine Richtung zu kennen schienen: steil nach oben.
Es herrscht grenzenloses Vertrauen in die Macht des Marktes und das Glück des Tüchtigen. Lauter Gewinner, wohin das Auge blickt. Die Gier schleicht sich auf leisen Sohlen ein. Georg Asamer, Vertreter der Generation 60 plus und zu Beginn des Romans noch immer schwungvoller Besitzer einer boomenden Werbeagentur; Andy Sykora, Hernalser Gastwirtssohn und karrierebewusster Welthandelsstudent; Hans Falenbruck, Schweizer Pharmakonzern-Erbe und Hoteldirektor in der Südsee.
Rosei führt seine Protagonisten ganz unspektakulär ein, beschreibt penibel ihre sozialen Herkunft-Milieus und die Motive ihres Handelns, verschränkt ihre Biografien kunstvoll miteinander und ergänzt sie um Nebenfiguren: Frauen, die sexy oder reich sind (im Idealfall beides) und die nötigen gesellschaftlichen Verbindungen einbringen, Geschäftsfreunde, deren Ellbogen noch ein bisschen kantiger und deren Skrupel noch ein wenig geringer sind als die eigenen. Wirklich bösartig oder gar kriminell ist keiner von ihnen, und doch spürt man schon bald: Hier braut sich etwas zusammen, das noch unangenehme Folgen haben wird.
Für jene, die packende Handlung zur Unterhaltung und eine ordentliche Schwarz-Weiß-Zeichnung zur Orientierung brauchen, ist "Geld!" vermutlich eine Fehlinvestition. "Ich möchte wissen, was hier vorgeht. Das ist auch das Unangenehme für meine Leser, weil sie mitten hineingestellt werden in den ganzen Salat", hat Peter Rosei kürzlich im APA-Interview mit hintergründigem Humor angemerkt. "Es ist viel vergnüglicher, Thomas Bernhard zu lesen, denn da sind die anderen die Faschisten und Klerikal-Nazis und man selbst ist auf der Sieger-Seite. Diese Freude mache ich meinen Lesern nicht, denn die müssen leider mehr oder weniger unbefangen hineinlesen und können sich nicht so leicht heraushalten."
Rosei treibt nicht Kapitalisten-Schweine durch den Stall, sondern sieht in seinem schmalen Gesellschaftsroman genau hin. Dabei beschreibt er den allmählichen Wandel vom Industrie- zum Finanzkapital, vom Handel mit real hergestellten Waren zu Fantasie-Produkten und von der unternehmerischen Verantwortung zum riskanten Einzelkämpfertum, ohne dass auf jeder Seite der Zeigefinger erhoben würde. Das geht so unmerklich vor sich, dass man erst auf der vorletzten Seite in aller Deutlichkeit vor Augen geführt bekommt, wohin der Hase läuft: "Nagelneue Geschäftsidee, das. Amerika! Immobilien! Die braven Leute wollen sich Eigenheime bauen. Jeder sein warmes Nest. So viel Geld haben sie aber nicht, um das zu schaffen. Also brauchen sie Kredit, und den gibt man ihnen, nicht zu knapp."
Peter Rosei: "Geld!", Residenz Verlag, 168 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-7017-1571-8